Der allerschönste Klang der Welt.

Es war einmal ein einfacher Mann.

Er kam aus bescheidenen Verhältnissen und hatte sein ganzes Leben auf dem Land verbracht.

Als aber seine Tochter zum Studieren in die Hauptstadt zog, freute er sich endlich eine Stadt kennen zu lernen. Schon nach kurzer Zeit besuchte er sie. Und während sie Vormittags in der Uni war, spazierte er das erste Mal in seinem Leben durch eine Großstadt.

Auf einmal hörte er einen scheußlichen Klang. So etwas hatte er noch nie gehört.

Der schrecklichste Klang der Welt…

Er folgte ihm aus Neugier. Denn er wollte genau wissen, wer oder was so etwas schreckliches verursachen könnte. Schließlich kam er an ein Haus.

Durch das Fenster konnte er den Übeltäter sehen. Es war ein kleiner Junge, der auf einer Geige übte. Der Mann hatte so etwas noch nie gesehen. Er schüttelte den Kopf und ging weiter.

Nie wieder wollte er so einen schrecklichen Klang hören.

Wer hatte nur so etwas Scheußliches erfunden?

… kann unglaublich schön sein.

Am nächsten Morgen spazierte er wieder durch die Stadt.

Freudig beobachtete er das stressige Treiben der Stadtmenschen, während er auf einer Bank in der Stadt saß. Auf einmal riss ihn etwas aus seiner Träumerei.

Er vernahm sehr leise, aber umso schöner einen wundervollen Klang in seinem Ohr. Eine Melodie, wie aus einem Traum. So etwas hatte er noch nie gehört. Er musste unbedingt herausfinden, wer oder was so einen schönen Klang erzeugen kann.

Sofort sprang er auf und machte sich auf die Suche. Langsam wurde die Melodie lauter. Er war auf dem richtigen Weg. Und da, auf einmal stand er wieder vor einem Fenster und blickte in eine Musikschule. Und in dem Raum stand eine Frau und spielte mit ihrer…

Geige.

Der Mann war fasziniert. Ohne sich zu regen stand er mehrere Minuten am Fenster und lauschte dieser wunderschönen Melodie. Als er etwas später wieder auf dem Weg zur Wohnung seiner Tochter war, wurde ihm sehr deutlich wie falsch er doch gelegen hatte, als er die Geige verurteilt hatte!

Es lag weniger am Instrument, welcher Klang hinauskam, sondern sehr viel mehr an der Art wie man spielte. Daran, wie man damit umzugehen wusste.

Übers ganze Gesicht strahlend teilte er diese Erkenntnis mit seiner Tochter. Auch wenn er nicht allzu gebildet war, spürte er, dass er hier auch eine tieferliegende Wahrheit entdeckt hatte.

„Ich glaube es ist weniger wichtig welche Nationalität, Religion oder sonstiger Identität wir uns zuordnen. Die Frage ist viel eher, welche Melodie wir erzeugen. Spielen wir damit auf eine Weise, die unsere Herzen zum Strahlen bringen kann? Und um das zu können müssen wir praktizieren und lernen. Wenn wir dies nicht tun und damit nicht umgehen können, kann das schönste Instrument, den schrecklichsten Klang erzeugen!“

Seine Tochter strahlte über beide Ohren zurück. Etwas später, noch immer berührt von den Worten ihres Vaters, bat sie ihn sich für den letzten Abend schick anzuziehen. Sie habe eine kleine Überraschung für ihn geplant.

Der allerschönste Klang dieser Welt

Die beiden nahmen auf ihren Sitzen Platz. Was für ein pompöser Saal. Das gedimmte Licht tauchte den ganzen Raum in eine anmutige Atmosphäre. Der Vater platzte vor Neugier. Was sie wohl erwartete? Ein Theaterstück? Er war noch nie zuvor in so einem großen Saal gewesen.

Die Tage in der Stadt hatte er sehr genossen und dies war nun sein letzter Abend. Seine Tochter hatte ihm nicht verraten wollen, was sie nun erwarten würde. Sie war bei jeder Nachfrage geheimnisvoll geblieben. Plötzlich öffnete sich der Vorhang.

Der Dirigent verbeugte sich.

Die Menschen im Saal klatschten zur Begrüßung.

Vor ihnen stand ein ganzes Orchester. Er zählte mindestens 15 Geigenspieler und viele weitere Saiteninstrumente und sonstige Instrumente, die er noch nie gesehen hatte. Wie sollten so viele verschiedene Instrumente gemeinsam etwas zustande bringen? Kurz flimmerte das Bild von dem Jungen am vorherigen Tag in ihm auf. Dieser grausame Klang…

Im Saal war es mittlerweile still geworden. Der Dirigent erhob seine Arme. In der rechten Hand hielt er einen Stab. Und mit dem eleganten Schwingen des Stabes, setzte die Musik ein. Es war als wenn eine Welle der Energie  durch den Raum kam und die Melodie sein ganzes Wesen erfüllte. So zart, leicht und gleichzeitig unglaublich kraftvoll.

Jetzt erinnerte er sich wieder an die Geigenspielerin vom Vormittag. Die Melodie verblasste im Angesicht der jetzigen Schönheit. Dies war der schönste Klang, den er je gehört hatte. So hatte er sich immer Engelschöre vorgestellt. Begeistert von dem Wechselspiel sog er jeden Ton auf. Viele verschiedene Instrumente und Klänge miteinander in einer Art dynamischen Tanz. Jede Stimme war anders und im ganzen entstand doch eine wunderschöne Melodie daraus.

Eine Träne floss sein linkes Auge herunter, als er an seine Erkenntnis am Vormittag dachte. Es war, als sei ihm gerade eine noch tiefere Erkenntnis erschienen.

Denn die wirklich aller schönste Melodie entstand dann, wenn ganz verschiedene Musiker*innen nicht nur ihr eigenes Instrument virtuos zu spielen vermochten. Sondern dann, wenn sie es verstanden über ihr eigenes Instrument hinauszugehen und mit ganz verschiedenen Instrumenten gemeinsam zu spielen, zu harmonieren und so gemeinsam einen noch viel größeren und schöneren Klang zu erschaffen, als sie es alleine hätten machen können.

Er erkannte, dass es sich genauso mit den Religionen, Nationen und verschiedensten Ideologien verhielt. Wenn wir über diese Ideen, denen wir anhängen hinausgehen und lernen uns mit anderen Ansichten auszutauschen und schließlich zu harmonieren, entsteht eine sehr viele größere und schönere Melodie, als es sonst möglich wäre. Dies ist der allerschönste Klang der Welt.

Passend zu dem Fest, was viele von uns in wenigen Tagen feiern, möchte ich diesen schönsten Klang mit drei Worten beschreiben: Freude, Liebe und Verständnis.

Wie trägst du dazu bei diese Melodie in unsere Welt zu bringen?

Diese Geschichte ist von dem Buch „Die Kuh die Weinte“ von Ajahn Brahm inspiriert.

8 Comments on “Der allerschönste Klang der Welt.”

  1. Eine schöne Geschichte!
    Allerdings glaube ich, dass das Erlangen von Freude, Liebe und Verständnis nichts mit Bildung zu tun hat.

    1. Lieber Walter,
      ich danke dir für deinen Kommentar.
      Wenn wir von Bildung im akademischen Sinne sprechen, mag das meistens zutreffen. Wobei schon das Wissen darüber, was mich wirklich glücklich macht, und was nur „Ablenkung“ ist, durchaus einen Unterschied machen kann. Und wenn ich mir dann im Alltag bewusst Zeit dafür nehme, kann sich das durchaus auf meine Freude auswirken.

      Dabei darf es nicht bei theoretischem Wissen bleiben. Sondern wenn ich tief erfahre, dass ich verbunden mit allem bin, dass ich in jedem Atemzug einatme, was Pflanzen ausatmen. dass ich weniger ein abgeschnittenes Individuum bin, als mehr ein Teil eines „Netzes“ aus Leben, dann entsteht daraus automatisch mehr und mehr Liebe zu allem Leben. Ebenso wie mehr Verständnis.
      Und das sind zwei Qualitäten, mit denen ich mich z.B. durch Meditation mehr und mehr verbinden kann. Hierzu gibt auch schöne Studien, wie bestimmte Übungen unser Mitgefühl für uns selbst und für andere deutlich vergrößern können.

      Alles Liebe dir,
      Carlos

  2. Diese Geschichte berührte mein Herz, ich habe mir immer die Frage gestellt, ob ich so schwierig bin, weil alle meine vergangenen Beziehungen in die Brüche gingen. Aber vielleicht konnten meine Partner nicht mit mir ( der Geige 🎻) umgehen und ich habe Hoffnung bekommen.

    1. Liebe Martina,
      ich danke dir. Wie schön, dass diese Geschichte auch dich berührt hat. Keiner von uns kommt mit einer „Bedienungsanleitung für ein glückliches Leben“ auf die Welt. Und doch sehnen wir uns alle danach. Und ich glaube, dass wir diese Melodie auch finden können.
      Alles Liebe dir,
      Carlos

  3. Wahnsinnig berührend 🙂 das was du über das Netzwerk schreibst, interessiert mich sehr, kennst du dazu die Theorie non Leibnitz?
    liebe Grüße Irart <§

    1. Lieber Irart,
      vielen Dank für deine schönen Worte.
      Ich werde in Zukunft mehr über diese innere Transformation schreiben. Ich kenne verschiedene Modelle und Konzepte darüber. Die Theorie von Leibnitz allerdings nicht, magst du mir was darüber erzählen? Und worauf es aber tatsächlich ankommt ist weniger theoretisches Wissen, als viel mehr die Erfahrung und die eigene innere Transformation. Dann gehen wir über das Konzept hinaus, und verkörpern Mitgefühl, Klarheit und Verständnis authentisch, weil es das ist, was wir im Innern tragen.

      Um es in den Worten der Geschichte zu sagen: Wir verstehen dann nicht nur „theoretisch“ wie die Geige funktioniert, sondern spielen ganz natürlich die schönsten Melodien. Dann Notensystem indem wir gelernt haben, ist dann garnicht mehr so wichtig.

      Ein frohes neues Jahr dir!

      Liebe Grüße,
      Carlos

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